KLASSENKEILE

digit! 5-2017 Die Canon EOS 6D Mark II hatte gerade erst den Kopf durch die Klassentür gesteckt, da drückte die (Web-)Gemeinde sie schon mit der Nase in die Pfütze: Zu schmächtig, zu schwachbrüstig – und die Geschwister kennen wir ja auch schon. „Opfer!“, würden die Schulhof-Rowdys sagen. Sebastian Drolshagen hat es vorgezogen, ein paar Tage länger mit der 6D Mark II zu verbringen, um ihrem wahren Charakter nachzuspüren.

Es klingt pathetisch, aber Freunde sind wir bei Max Giesinger geworden. Nicht beim Lauschen der romantischen Hymne „80 Millionen“, sondern beim Blick aus dem Bühnengraben, die Ohren mit Stöpseln zugepfropft. Denn im Graben – seien wir ehrlich – ist man zwar nah dran am Künstler, aber die steile Perspektive von unten schränkt ziemlich ein. Für Einbein-Stative bleibt kein Platz, also hilft nur der lange Arm. Während Max sich am Mikro verausgabt, recke ich die 6D II in die Luft: Ihr Touchscreen weist nach unten, der Live-Autofokus mit Gesichtserkennung ist startklar. Funktioniert! Max steht im Fokus – in jeder Hinsicht. Er kann sogar die eine oder andere Eskapade machen, der AF der EOS bleibt an ihm dran. In dieser Szene brilliert Canons neueste und kleinste Vollformat-DSLR. Mit einem EOS-1-Brocken würde der Arm schnell lahm, einen Schwenkmonitor bietet kein anderes Canon-Modell mit großem Sensor. Und die Qualität des Autofokus bei Live-View- und Video- Aufnahmen trotzt selbst Nikon- und vor allem Sony-Fotografen Anerkennung ab.


digit! 5-2017 Das schnelle Scharfstellen per Fingertippen auf den Touchscreen kompensiert zudem einen Schwachpunkt der 6D Mark II: Die 45 Fokusfelder für den Phasenvergleich sind recht eng angeordnet – das ist ein wesentlicher Grund für das Schulhof-Mobbing. Die brandneue Vollformat-Kamera trägt nämlich die Klamotten der älteren Geschwister auf. Das kleine Fokusfeldmodul kennt man aus der EOS 80D. Es leistet dort 1a-Arbeit, transferiert man es aber vom kleineren APS-C- zum Fullframe-Bildsensor, decken die Felder eine deutlich geringere Fläche ab. Verlangt das Motiv nach automatischer Scharfstellung an den Rändern, kann man sich notfalls mit dem Live-View-Fokussieren via Bildschirm behelfen. Zudem darf man bei aller Krittelei nicht vergessen: Innerhalb der 6D-Klasse ist der Sprung immens, das erste Modell wurde mit nur 11 AF-Feldern und nur einem lichtempfindlichen Kreuzsensor zu einem Dauerbrenner unter den Vollformatkameras.

Sämtliche Verbesserungen beim Scharfstellen bringen die EOS 6D Mark II deutlich besser in Stellung, wenn es um das professionelle Arbeiten geht.

Überlegt man, seiner Canon-Ausrüstung ein Upgrade zu spendieren, lohnt sich der kritische Blick nach oben ebenso wie der Blick zurück: Zur Brot-und-Butter-Kamera EOS 5D Mark III lassen sich kaum Differenzen ausmachen; die 6D II verzeichnet den Touchscreen und ein paar Pixel mehr als Plus; auf den zweiten Speicherkarten-Steckplatz und einige AF-Felder muss man hingegen ebenso verzichten wie auf 1/8.000 s (6D II: 1/4.000 s). Die drei Aspekte Speicherkarte / AF / Verschlusszeit gelten ebenso im Vergleich zur aktuellen EOS 5D Mark IV, die für den doppelten Preis mit vier Millionen Pixeln mehr und 4K-Videos aufwartet. Die brandneue 6D II beherrscht 4K-Videos tatsächlich nicht. Wer vor allem als Fotograf unterwegs ist, muss nicht das große Lamento anstimmen, wenn ...

 

 

 


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