Die Tarnkamera

Nikons Z 6 ist die kleine Schwester der hochauflösenden Z 7. Thorsten Wulff hat die neue Vollformat-Spiegellose in Berlin ausgeführt.

Berlin, Schlüterstraße, Ausverkauf im Buchladen von Taschen. Dutzende Kunden suchen in den Stapeln nach Lieblingsbüchern, viele zum halben Preis. Es ist ungewohnt, mitten in einer Menschenmenge zu stehen – und niemand merkt, dass ich fotografiere. Ich habe eine Kamera am Auge, errege aber keine Aufmerksamkeit. Trotz Kamera am Auge: Die spiegellose Nikon Z 6 ist handlich, das 35er f/1,8 wirkt dafür umso wuchtiger. Aber das Klicken fehlt.

Die Lautlosigkeit der Nikon Z 6 beim Fotografieren ist faszinierend. Wie ein Blitz, dem kein Donner folgt, schieße ich ein Bild nach dem anderen.

Ein paar Tage vorher bin ich bei einer Generalprobe im Berliner Ensemble. Frank Castorf inszeniert Galileo Galilei von Bertolt Brecht. Bei Castorf ist der 1932 geborene Jürgen Holtz in der Titelrolle zu sehen. Der italienische Universalgelehrte Galileo gilt als Vater der modernen Naturwissenschaften, sein Beweis, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, bringt ihm Ärger mit der Inquisition ein.

Zur Fotoprobe versammelt sich die Hauptstadtpresse, an die zwei Dutzend Fotografinnen rücken an. Regisseur Castorf sieht sich die Sache aus der zweiten Reihe an, Fotografen dürfen erst in der zehnten sitzen. Also setzen sich alle brav nebeneinander und packen ihre Kameras aus. Ich habe die Z 6 mit dem Nikkor Z 35 mm 1:1,8 S dabei, den FTZ-Adapter und meine Theater-Lieblinge, das präzise AF-S 80-200 mm f/2,8 D IF-ED und das 300 mm f/2.8 AF.

Das Tele-Zoom arbeitet erstklassig mit der Z 6, mit dem Adapter merkt man fast nicht, dass Nikon 60 Jahre nach der F ein neues Bajonett eingeführt hat. Hinzu kommt die Fünf-Achsen-Bildstabilisierung in der Kamera, die mit Adapter und Nikkor ohne VR immerhin noch Neigung, Schwenkung und Rollen ausgleicht. Allerdings stelle ich die Empfindlichkeit auf ISO 6.400 und befinde mich trotz Bühnen-Düsternis in einem komfortabel vierstelligen Belichtungszeitenbereich.

Castorf und sein Bühnenbildner Aleksandar Denić lassen den gutgelaunten Galileo mithilfe seiner Haushälterin…


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