Das Sprintduell

„Der Pokal hat seine eigenen Gesetze“, lautet eine Fußballreporter-Phrase, und das bedeutet: Die Kleinen haben die Chance, die Großen zu schlagen. Aber kann das genauso für den internen Canon-Zweikampf EOS-1D X Mark III gegen EOS R6 gelten? Sebastian Drolshagen hat den DSLR-Sport-Primus und das neue spiegellose Vollformat-Modell im Stadion gegeneinander antreten lassen.

Zwei Canon EOS Kameras

Ich war dagegen – gegen einen derart hinkenden Vergleich: 7.100 Euro vs. 2.600 Euro. 1,4 Kilo vs. 680 Gramm. Gut, wir sind nicht beim Boxen, die Gewichtsklasse hat mit durchschlagendem Erfolg beim Fotografieren nichts zu tun. Aber wer würde schon einen Formel-1-Boliden neben einen Golf GTI an die Startlinie stellen?

Wobei der Blick unter die Haube der beiden Kameras für ein paar Überraschungen sorgt, die einen Vergleich nicht völlig absurd erscheinen lassen. Die Bildauflösung? Identisch. Die Serienbildfrequenz? Gleichermaßen hoch, jeweils bei 20 Aufnahmen pro Sekunde, geknüpft an Bedingungen. Die Verschlusszeit? Können beide bis auf 1/8.000 s verkürzen. Also, hinaus ins echte Leben. Fußball-Bundesliga der Damen. Über dem Stadion an der Hafenstraße stehen dunkle Wolken – und das ist keine Metapher für Niederlagen oder Corona-Schlamassel. Es schüttet bei der SGS Essen. Maske auf, Kontaktdaten angeben, Fieber messen, anders lässt der DFB derzeit niemanden an den Spielfeldrand. Aber wird die Technik verschnupft reagieren, weil es von oben einen Guss gibt? Bei der EOS-1D X Mark III verschwendet man daran keinen Gedanken. Die Top-Modelle von Canon wirken seit jeher, als ließe sich mit ihnen auch ein „Ironman“ bei Monsun bestreiten. Die EOS R6 könnte sich hinter dem breiten Kreuz der 1D verstecken, sie bricht mit dem Klischee, das vorschreibt, wie eine „Profi-Kamera“ auszusehen hat. Eine sichere Abschirmung gegen Wetterkapriolen bringt sie dennoch mit, gleichwohl macht das R6-Gehäuse den fragileren Eindruck. Es wird in diesem Zweikampf nicht das letzte Mal sein, dass Anschein und Realität ein genaues Hinsehen erfordern.

Spitzenwerte und Nostalgie

Derweil nimmt der Zweikampf auf dem rutschigen Rasen ebenfalls Fahrt auf. Während die Abendsonne die Wolken vertreibt, drängt Hoffenheim in Richtung des Essener Tores; Angreiferin Nicole Billa – Österreichs Fußballerin des Jahres 2019 – spurtet los. Die EOS R6 läuft einfach mit, reagiert dynamisch auf aufkreuzende Abwehrspielerinnen und klebt ansonsten verlässlich an der Nummer 16. Auf die Gesichtserkennung zu setzen, bleibt gewagt, aber eine automatische Messfeld-Wahl innerhalb eines vorgegebenen Bereichs klappt bestens, die Felder decken nahezu das gesamte Bildfeld ab. Ja, das Tracking der R6 funktioniert beeindruckend gut: In sehr vielen Szenen liegt die Trefferquote bei 100 Prozent. Und das ist nicht allein eine starke Leistung des Dual Pixel AF, sondern auch ein Beleg für die nahtlose Adaptierung von EF-Objektiven, denn wir arbeiten hier mit dem EF 100-400mm f/4-5,6L IS USM. Das Zoom zählt zu den kleinen unter Canons „weißen Riesen“, es lässt sich entspannt ohne Einbeinstativ handhaben. Viel spricht dafür, dass Canon schon in Kürze mit einem noch handlicheren 70-400-mm-Zoomobjektiv für das RF-Bajonett aufwarten wird. Wer solche Jobs regelmäßig übernimmt, sollte sich dennoch den Handgriff zur R6 besorgen, sonst bleibt gelegentlich das Gefühl, ins Leere zu greifen.

In Kombination mit gewichtigen Gläsern spielt die 1er-EOS natürlich ihre ganze Stärke aus. Sie passt wie ein Handschuh, selbst wenn vorn ein dickes Tele zieht. Dass sie überdies ihr Metier beherrscht, ist kaum noch der Erwähnung wert. Ihr Autofokus klammert genauso am Trikot wie der AF der R6 – besser ist er nicht. Auch er greift mal daneben, wenn sich das Geschehen allzu schnell verändert, die EOS-Kontrahenten liegen gleichauf.

Ein Eindruck, der sich beim Thema Serienbilder verfestigt. Ist man bereit, mit der EOS-1D X III über den Bildschirm zu arbeiten, erzielt sie 20 Bilder pro Sekunde – genau wie die R6, sofern man bei ihr mit dem elektronischen Verschluss leben kann. Schon die 12 Aufnahmen je Sekunde, welche die R6 mit mechanischem Verschluss schießt, …


Lesen Sie weiter in


 

TIPA 2020