Die Bildgewaltige

Knapp zwei Jahre nach Fujifilms Mittelformatkamera GFX 100 ist die GFX 100S erschienen, im kleineren Gehäuse mit demselben Sensor, verbesserter Bildstabilisierung und rund viertausend Euro günstiger. Thorsten Wulff hat sie für digit! im Praxiseinsatz in Berlin getestet.

Fujifilm GFX 100S

Die Arena in Berlin-Treptow, zu normalen Zeiten ein Kulturveranstaltungsort, ist zum Impfzentrum umgewandelt. Taxis stauen sich um den Block, Bundeswehrsoldatinnen schnappen in der Sonne kurz Luft, einige rauchen an ihren beiseite geschobenen Masken vorbei. Die perfekte Location, um Portraits von einem jungen Schauspieler zu schießen. Es muss schnell gehen, und ich werde mich viel bewegen. Eigentlich ein Job für Kleinbild-Vollformat und zugleich eine perfekte Gelegenheit für mich, die neue Fujifilm GFX 100S zu testen.

Das Modell 100S ist die logische nächste Stufe der GFX-Kamerareihe: ein 100-Megapixel-Sensor in einem Gehäuse nicht viel größer als eine Vollformat-DSLR. Hierbei schlägt als Herz der GFX 100S der gleiche 102-Megapixel-CMOS-Sensor der originalen GFX 100, zusammen mit einem verkleinerten und weiterentwickelten Bildstabilisiermechanismus. Fujifilm hat im Prinzip Technik und Design aus der großen GFX 100 und der APS-C-basierten X-T4 „gemischt“. Das Synthese-Produkt ist eine beeindruckende Kamera, mit einem an Anspruch und Leistung gemessen günstigen Preis – und dem Potenzial, den Markt für das digitale Mittelformat zu vergrößern.

Arena

Nach wenigen Bildern mit der GFX 100S, die ich vor einer Stunde ausgepackt und an die USB-C-Dose gehängt habe, vergesse ich, dass ich es nicht mit einer Vollformat-DSLR zu tun habe. Natürlich sind die Objektive etwas größer, aber die Kamera agiert nicht weniger schnell als eine X-Pro3. Mein Freund Jacob handelt mit Industriemöbeln aus den 1930er-Jahren, sein Lager und Verkaufsraum ist in einer Halle auf dem Arena-Gelände untergebracht, direkt gegenüber dem Impfzirkus. Hugo und ich turnen auf gußeisernen Wendeltreppen herum, von der Decke hängt der Kerosintank einer sowjetischen MIG. Wir überlegen kurz, Hugo auf den Tank zu setzen für ein Bild ähnlich dem Bombenritt aus „Doktor Seltsam“. Das GF45mmF2.8-R-WR-Weitwinkel entspricht einem 35-mm-Kleinbildobjektiv, momentan meine bevorzugte Brennweite. Autofokus und manuelles Fokussieren mittels Peaking lassen nichts zu wünschen übrig, die Bildstabilisierung lässt vergessen, dass jedes der schnell hintereinander geschossenen Bilder 100 Megapixel groß ist. Für ein paar nähere Portraits wechsele ich zum GF110mmF2-R-LM-WR-Objektiv, während Hugo sich eine Zigarette anzündet.

Stabil

Fujifilm hatte mit der Messsucherkamera GFX 50R schon einen Zwischenschritt beim Verkleinern der mit der GFX 100 etablierten Mittelformattechnologie eingelegt. Die GFX 100S spart Platz für die Unterbringung des neuen Bildstabilisierungssystems mit der Platzierung des elektronischen Suchers an der Gehäuseoberseite. Dieses ist gleichzeitig effektiver und kleiner als das Vorgängermodell: Es soll bis zu sechs Lichtwerte Verwacklung abfangen können, eine ganze Blende mehr als die GFX 100 also.

Nostalgisches Negativ

Eine von Fujifilms Stärken und durchaus Teil des Erfolges ist das Übertragen der in analoger Zeit beliebt gewesenen hauseigenen Emulsionen (wie Velvia oder Acros) auf ihre X-Kameras. Oft machen diese (auf die JPEGs) angewandten Simulationen nachträgliche Bildbearbeitung in Lightroom oder vergleichbaren Editoren überflüssig. Besonders gespannt war ich daher auf den nur in der X100S verfügbaren neuen Modus Nostalgic Neg. Fujis Ingenieure ließen sich von den Farben der amerikanischen Farbpioniere Stephen Shore und Joel Sternfeld inspirieren. Nostalgic Neg liefert leicht bernsteingoldene Lichter, satte Rottöne und tiefere Schatten für einen an die 1970er-Jahre erinnernden Farbeindruck. Die Simulation gefiel mir so gut, dass ich sie direkt angelassen habe.

Unter Strom

Das kleinere Gehäuse bringt für die GFX 100S auch einen kleineren Akku mit sich. Zum Einsatz kommt statt des aus den anderen GFX-Modellen bekannten NP-T125 die mit der X-T4 vorgestellte W235-Batterie. Eine Ladung soll gemäß CIPA-Standard-Test 460 Bilder liefern, ich kam durchaus …

 


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