License to kill

Der Agent mit der Ziffer 7 ist eine Alllzweckwaffe ihrer Majestät – das weiß jeder. Bei Canon trägt der Bond unter den EOS-Modellen traditionell die Ziffer 5. Sebastian Drolshagen hat die neue EOS R5 auf verschiedene Missionen mitgenommen, um zu sehen, ob sie dieser Tradition folgt.

Canon EOS R5

Wir sind erst seit einer Viertelstunde vor Ort, da fliegt der R5 die Natronlauge um die Ohren. Oder das, was die Feuerwehr in diesem Moment für Natronlauge hält. Für die Übung bleibts natürlich bei Wasser. Ordentlich getauft ist die R5 trotzdem. Sie nimmts wie ein Profi: Abwischen, weitermachen – hier gehts nicht um Befindlichkeiten, sondern darum, die Jungs in ihren grünen Chemie-Schutzanzügen abzulichten. Aber wo wir gerade über Giftiges reden, kommen wir direkt zu den Schlagzeilen, die die R5 in ihrem kurzen Leben produziert hat. Folgt man der Online-Aufregung, funktioniert die R5 quasi gar nicht ohne kalte Dusche.

Ein falscher Alarm. Denn anders als die Feuerwehr, die Brandmelder einfach zurücksetzen kann, wenn nichts passiert, wittert die EOS weiter Gefahr, selbst wenn die Kamera abkühlt. Ein Firmware-Update, das inzwischen zum Download bereitsteht, treibt dem Temperatur-Management die Panik aus. Es ermöglicht längeres Filmen und reagiert auf aktive Kühlung, zum Beispiel durch einen Ventilator oder einen Cool-Pack. Denn klar ist auch: Selbst mit Firmware 1.0 lässt sich in 8K aufnehmen. Als bei der Übung die „Natronlauge“ spritzt, herrscht ebenfalls Mittagshitze, dennoch sind mit kurzen Pausen eine Viertelstunde Clips in 8K im Kasten.

Klar ist auch: Selbst der schnellste Bildprozessor mit den intelligentesten Algorithmen wird beim Verarbeiten der immensen 8K-Datenströme heiß. Dass sich die Wärme in einem wasserdichten, geschlossenen Gehäuse nicht in Wohlgefallen auflöst, für diese Erkenntnis braucht es kein Bond’sches Genie wie „Q“. In der Praxis zeigt sich, dass Akku und Speicherkarte ebenfalls ihren Teil zum hitzigen Klima beitragen. Canon bestätigt diesen Eindruck auf unsere Nachfrage hin: Schon die Wahl der Speicherkarte können einen deutlichen Unterschied ausmachen.

Die Videoauflösung von 8.192 x 4.329 Pixeln will gespeichert und bearbeitet werden. Das aktuellste Macbook Pro 16 Zoll reicht trotz Extra-RAM-Speicher und großer Grafikkarte nicht. Adobe Premiere stottert bei den 8K-Clips massiv, ein flüssiges Abspielen gelingt kaum. Nicht minder gefesselt ist der Betrachter, er verfällt in eine Art Diamantenfieber: diese Details! Die Spielmöglichkeiten! Die Standbilder! Aus jedem Videoframe lässt sich ein Foto mit 35 Millionen Pixeln erstellen – mehr als bei einer EOS R und fast drei Mal so viel wie bei einer Sony Alpha 7S III. Einzig die längeren Belichtungszeiten beim Filmen könnten verhindern, dass 100%ig scharfe Stills entstehen. Grundsätzlich genügt sogar eine schnelle SD-Karte, um in 8K-Auflösung zu filmen. Allerdings stehen dann nur komprimierte Videos zur Verfügung, aber schon die belegen bei 30 Sekunden rund 2 GB. Unkomprimiert sind es fast 20 Gigabyte pro Minute.

Die Video-Rohdaten verlangen eine schnelle (!) CFexpress-Karte, die in einen der zwei Kartensteckplätze passt, welche die R5 mitbringt. Natürlich arbeitet die R5 zudem mit externen Rekordern, Mikrofon- und Kopfhöreranschluss sind selbstverständlich an Bord. Dass das flache Bildprofil „C-Log“ ebenfalls zur Verfügung steht, erscheint schlicht selbstverständlich mit Blick auf den filmischen Anspruch der Kamera. Es ermöglicht enorme Gestaltungsmöglichkeiten in der Nachbearbeitung, im Kombi­nation mit 12-Bit-Rohdaten kommt der Dynamikumfang der R5 so voll zur Geltung.

Die Frage, wie viele Stufen zwischen Schwarz und Weiß der Sensor verträgt, – Stichwort „Dynamikumfang“ –, wird bei neuen Kameras gern hochstilisiert. Wer lieber Bilder als Laborwerte betrachtet, darf das Thema gelassener angehen. Als wir bei der nächsten Fotomission mit der R5 erneut in der Mittagssonne stehen, bietet die Datei erfreulich viele Möglichkeiten, aus Lichtern und Schatten Bildinformationen hervorzuzaubern. Auf dem Papier mag die Alpha 7R IV mit ihrem 60-Megapixel-Sensor der goldene Colt bleiben – die R5 arbeitet mit 45 Megapixeln allerdings deutlich schneller. Canons Top-Agentin ist einem rasch vertraut …


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