Das zweite Leben

Asja Caspari hatte einen gut bezahlten und spannenden Job. Trotzdem wagte sie mit Mitte 30 den Sprung in die professionelle Fotografie – und landete weich. Wir haben mit der frisch gebackenen „BFF Professional“ über die Lebensvolte, ihre fotografische Motivation und ihr Bildverständnis gesprochen.

Alle haben ihr abgeraten, sie hat es trotzdem getan: 2014 kündigte Asja Caspari ihren Job als Projektleiterin für Interkulturelle Handlungskompetenz bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Dort konnte sie weitgehend selbstbestimmt spannende Projekte umsetzen und musste sich über ihr Auskommen keine Sorgen machen. Ein Traumjob, und doch nagte etwas an der damals 34-Jährigen: die Sehnsucht, sich ganz auf das konzentrieren zu können, was ihr immer schon am meisten Spaß gemacht hatte – das Bildermachen.

Caspari fängt nach eigenen Angaben im Kindergartenalter an, zu fotografieren. Sie verbringt viel Zeit in ihrer Jugend in der Dunkelkammer, entscheidet sich „aus Vernunftgründen“ aber zunächst für eine andere Laufbahn. Sie besteht auf einer Vier-Tage-Woche, um in den verbleibenden drei Tagen ihrer Leidenschaft folgen zu können. Schon seit ihrem Studium der Psychologie und parallel zu ihrer Arbeit besucht sie Studiengänge für Fotografie und Set-Bau in Argentinien. Ihre Sehnsucht, Bilder zu machen, wächst weiter, und als sie auch am Wochenende kaum noch zum Schlafen kommt, bittet sie ihren Chef um ein halbjähriges Sabbatical.

Als der ablehnt, steht ihr Entschluss fest. Caspari kündigt. Sie kehrt nach Argentinien zurück, schließt ihr Studium ab. Zurück in Hamburg beantragt sie einen Gründungszuschuss, absolviert Seminare zu Themen wie SEO-Optimierung, Gründerpersönlichkeit und Business-Plan-Erstellung, baut sich eine Website und lässt sich von der Fotografen-Beraterin Silke Güldner (s. digit! 3-2020) in Sachen Positionierungs- und Akquisestrategie coachen.

Gelungener Start in der Profiliga

Anfang 2016 macht sie sich selbstständig. Bereits ein halbes Jahr später kann sie von ihrer Arbeit leben. Die ersten Aufträge kommen über Empfehlungen: Portraits von Künstlern, Musikern, Jungunternehmern und Politikern. Kurz darauf wird sie als Juniorin in den BFF aufgenommen. Parallel dazu stellt sie sich bei Agenturen und in Redaktionen vor. „Die Termine bei den Agenturen verliefen ergebnisoffen. 2018 habe ich mich dann bei der Brigitte vorgestellt, und die haben sofort Interesse an einer Zusammenarbeit signalisiert“, erinnert sich Caspari.

Wie ungewöhnlich schnell dieser Einstieg in die Profiliga war, war ihr gar nicht bewusst. „Das ist mir erst durch das Coaching bei Silke Güldner klar geworden. Die sagte mir, dass ich zu den vielleicht fünf Prozent Berufseinsteigern zähle, die so schnell Fuß fassen“, sagt Caspari. „Woran das genau liegt, kann ich auch nur mutmaßen.“

Wir selbst haben eine Vermutung: Caspari trifft mit ihrer Art der Fotografie einen Zeitnerv. Ihre Bilder wirken frisch, neu und zugleich klassisch und – obwohl sie weitgehend inszeniert sind – auf eine nonchalante Weise natürlich. Das liegt zum einen an der Natürlichkeit, die sich in den Gesichtern und Gesten der Models manifestiert, zum anderen an der Bildsprache, die ganz unaufgeregt daherkommt und trotzdem Hinguckerqualitäten entfaltet.

Der Look ist durch den Einsatz von Tages- oder Dauerlicht bestimmt und durch eine zurückhaltende Farbwahl, in der Blautöne meist die Oberhand haben. In ihren kommerziellen Arbeiten, die sie für Medien wie Brigitte, DB Mobil, Die Zeit, Bunte, Stern oder die taz und Kunden wie Audi, Ecco, Google, Procter & Gamble, Rowohlt, Gruner & Jahr, 3sat/ZDF oder das Umweltministerium NRW erstellt, sucht sie erklärtermaßen „die Fusion von Mode- und Portraitfotografie“. „Ich mag das Unperfekte, das ungeschönt Schöne, die Poesie des Alltäglichen und wenn die Grenzen zwischen Fotografie und Malerei verschwimmen“, sagt sie. In ihren freien Arbeiten, …

 


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