Weniger ist mehr

Bäume und Berge, schwarz und weiß: Michael Schnabels Naturbilder berühren uns auf minimalistische Weise – emotional wie kognitiv.

Langkofel I, 2010.

Stille.
Das ist vielleicht das Wort, das einem als Erstes in den Kopf kommt, wenn man Michael Schnabels Bäume und Berge betrachtet; interessanterweise bleibt dieses Wort nicht im Kopf, es rutscht vielmehr tiefer, in die Herzgegend, verursacht einen kleinen Stich. Es muss etwas Vorbewusstes sein, das uns da trifft, etwas Evolutionsbiologisches vielleicht. Was womöglich daran liegt, dass wir als Menschen zu Bäumen wie zu Bergen ein archaisches Verhältnis haben. Bäume stehen für Nahrung, Schutz, Schatten, Zuflucht, Berge für Größe, Himmelsnähe, Ewigkeit – und: Eroberungsdrang.

„Der Berg ruft“, heißt es. Schnabels Berge aber schweigen. „Stille Berge“ hat der Fotokünstler seine vor mehr als 20 Jahren entstandene Bilderserie bezeichnenderweise genannt, für die er Bergmassive in den Alpen fotografiert hat, in dunkelster Nacht, bei Belichtungszeiten von rund einer Stunde. Vieles lässt sich nur erahnen im spärlichen Licht der Sterne und in dem wenigen, das aus der fernen Zivilisation bis ins Hochgebirge durchsickert. Paradoxerweise ist dieses Nicht-Licht „erhellend“. Weil unsere Augen suchen, weil wir verstehen und ja: spüren wollen, was Nacht ist oder besser einmal war, bevor wir sie aus unserem Leben getilgt haben.

Ein paar Jahre später, kurz vor den Zehnerjahren, hat sich Schnabel dann erneut den Grenzen des Sichtbaren genähert, diesmal vom anderen Ende aus. In seiner Serie „Weißes Land“ zeigt er Berge und Meere, deren Konturen sich im Nichts des Schnees verlieren. Auch hier sucht das Auge nach Strukturen, nach dem Wesen der Landschaft, die nahtlos mit dem endlosen Weiß verschwimmt. Es findet Konturen, flüchtig wie der Rauch einer glimmenenden Zigarette. Weniger ist mehr.

An der Grenze des Sichtbaren

Schnabel ist im Laufe seiner Karriere immer wieder an die Grenzen des Sichtbaren gegangen, mal hat er bei Dunkelheit in den Ausstellungsräumen von Museen fotografiert, mal in mondlosen Nächten an verschiedenen Punkten der Erde auf das Meer geblickt mit seiner Kamera, mal in den nächtlichen Himmel.

Ein Jahrzehnt lang hat er sich dann auf die Autofotografie konzentriert, …

 


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