Subjektive Wirklichkeit

Seit 40 Jahren fotografiert Walter Schmitz für GEO, das F.A.Z.-Magazin, Merian und Co. Peter Schuffelen hat mit dem Bilderberg-Mitgründer über seine Karriere gesprochen und zeigt Highlights seines Portfolios.

Beispielfoto von Walter Schmitz

Beim Pferderennen: Die Hinterteile der Jockeys wie auch der galoppierenden Pferde befinden sich im Gleichklang, die Hufe schleudern Erdbrocken in die Luft, alles ist Bewegung. Das Bild ist Teil einer Reportage, die Walter Schmitz 1993 für die Zeitschrift Sports realisiert hat. Demgegenüber stehen Bewegungsstudien, bei denen Pferde und Reiter dank langer Belichtungszeiten in Bewegungsunschärfe miteinander verschmelzen, sowie Orts- wie auch Charakterstudien: Zuschauer im High-Society-Outfit, mitgerissen vom Geschehen auf der Rennbahn. Hemdsärme­lige Buchmacher auf Adrenalin. Spielertypen, vertieft in Listen. Begeisterungsschreie, schweißnasse Oberlippen. Der Boden: übersät von wertlos gewordenen Wettscheinen und Pappbechern. Schmitz hat die Quintessenz des Derbys erfasst, mal sekundenbruchteilscharf, mal in piktoralen Verwischungen, die das atemlose Wesen dieses Sports ins Zweidimensionale holen – ein archetypisches Foto-Essay.

Erzählen mit Bildern

Porträtforo Walter Schmitz

Walter Schmitz

Eine verwandte Handschrift zeigen viele weitere Sportreportagen, die der heute 74-Jährige im Laufe der letzten vier Jahrzehnte für unterschiedlichste Magazine realisiert hat. Dieses stete Changieren zwischen dem Gesamtereignis und Details, mal malerisch abstrahierend, mal mit unbedingter Schärfe die verschwitzten Körper der Athleten oder die entfesselten Emotionen der Zuschauer einfangend. So auch bei seiner Schwarzweißreportage über die Tour de France, für die er 1992 mit dem 1. Preis beim World Press Photo Award in der Kategorie Sportserie ausgezeichnet wurde. Hände, die anfeuern oder Wasser reichen. Polizisten, die das Straßengeschehen regeln. Fans am Straßenrand. Die abgekämpften Gesichter der Fahrer beim Anstieg auf den Gipfel. Eingefangen aus nächster Nähe mit dem Weitwinkelobjektiv, dazu vogelperspektivische Blicke auf das Fahrerfeld und dessen Einbettung in die Landschaft: die Tour de France als erzählerische Form.

Neben dem Sport gehören Reisereportagen zu den Schwerpunkten des Hamburger Fotografen. Fotografisch wie zeitgeschichtlich beeindruckend: Impressionen aus Indien, USA, Sowjetunion oder China der 80er-Jahre, die mit leisen, zuweilen poetischen Tönen und Motiven abseits der Kalenderklischees dem Betrachter die Lebenswelten der Länder nahebringen. Aber auch: eine vergleichende Reportage feiernder Jugendlicher in Technoclubs von Berlin und Peking – hart geblitzt, hautnah.

In Beziehung treten zum Sujet

Trotz aller gestalterischer Kniffe und ästhetischen Experimente sei es ihm nie um einen „L’art pour L’art“-Ansatz, gegangen, sagt Schmitz, der 1983 die Fotografenagentur „Bilderberg“ mitgründete – die deutsche Antwort auf die legendäre Agentur Magnum Photos. „Was mich im Wesentlichen interessiert, ist die intellektuelle und emotionale Auseinandersetzung und, daraus folgend, das spontane „In-Beziehung-Treten“ zu einem belebten oder unbelebten Sujet mithilfe einer Kamera – quasi durch pures subjektives Sehen. Das lässt sich am besten in Serien umsetzen, in denen ich versuche, unterschiedliche Aspekte über unterschiedliche ästhetische Formen fassbar zu machen“, so beschreibt Schmitz seine Sichtweise. „So kann es reizvoll sein, Bewegung über Verwischungseffekte zu abstrahieren – durch diese Abstraktion aber zugleich das Wesen der Bewegung einzufangen.“ Schmitz betont, dass die von ihm eingesetzte Technik der vorsätzlichen Unschärfe ohnehin experimenteller Natur sei: Wie viel Mitziehen bei welcher Belichtungszeit welche Wirkung entfaltet …

 


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