„Storytelling kennt viele Strategien“

Ingo Taubhorn, Chefkurator des Hauses der Photographie / Deichtorhallen in Hamburg, über das Geschichtenerzählen mit Bildern. Von Peter Schuffelen

Herr Taubhorn, woher kommt das Konzept des Storytelling?

Ingo Taubhorn: Der Begriff wird am am häufigsten im Bildjournalismus verwendet, da sich diese Strategie in diesem Bereich anbietet, etwa wenn eine Geschichte in einem Magazin textlich wie bildlich umgesetzt wird.

Das Bild fungiert also als Steigbügelhalter zur Erschließung des Texts?

IT: Das wäre zu kurz gesprungen. Im Idealfall ist das Bild mehr und erfüllt eine eigene Aufgabe: Text und Bild ergänzen sich, vermeiden Redundanzen, beide schaffen eigene Ebenen, die sich aufeinander beziehen. Das lässt sich in Magazinen zunehmend beobachten. Andererseits ist Storytelling ein moderner Begriff für etwas, das es schon lange gibt. Wenn man an die Professoren Ulrich Mack in Dortmund oder Otto Steinert an der Folkwangschule in Essen denkt, ging es immer um die Frage, wie man eine gute Reportage aufbaut – von der Ortung bis zum Detail – und wie man Ebenen schafft, mit denen sich der Betrachter identifizieren kann.

Apropos Steinert: Sie zeigen gerade eine große Retrospektive des Steinert-Schülers Michael Wolf im Haus der Photographie. Ist Wolf ein Geschichtenerzähler?

IT: Jedenfalls kann man dieses Konzept entlang seines Werdegangs durchdeklinieren – angefangen von seiner frühen, sozial engagierten Dokumentarserie über die Bergarbeitersiedlung Bottrop-Ebel, die vom Leben der Menschen im Ruhrgebiet erzählt, über „The Real Toy Story“, in der Wolf billige Plastikobjekte – Made in China – den Portraits von Arbeiterinnen und Arbeitern in chinesischen Spielzeugfabriken gegenüberstellt, bis hin zu „Tokyo Compression“, einer Serie, die den täglichen Höllentrip der Pendler/-innen in Tokio in ebenso klaustrophobischen wie ikonischen Portraits visualisiert. Der Betrachter fragt sich: Wer ist dieses Individuum inmitten der Masse? Welchen persönlichen Hintergrund mag es haben, welche Ziele, welche Sehnsüchte?

Hat das Geschichtenerzählen also immer etwas mit dem Auslassen von Informationen zu tun, mit „Leerstellen“, die der Betrachter durch sein Wissen oder seine Fantasie füllen muss?

IT: Das ist zumindest eine von zahlreichen Strategien. Die Meta-Ebene, die Taktik, Dinge metaphorisch anzulegen, um etwas über einen Ort oder einen Menschen auszudrücken, bezieht den Betrachter mit ein. Er muss den gedanklichen Überbau füllen.

Kann visuelles Storytelling ohne Worte auskommen?

IT: Das kommt auf das Sujet an. Beispielsweise gibt es eine Bilderserie von Caterina Micksch von 2006 mit dem Titel „Gretchen“ über Schauplätze…


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