Scannen im 21. Jahrhundert

Stefan Steib berichtet über Technologien, Trends und Geschäftsmodelle, die mit modernen zwei- und dreidimensionalen Scannmethoden möglich sind. Natürlich nicht, ohne auf die Wurzeln des Scannens zurückzublicken.

Industrial-Kamera von Phase One

1990 kamen die ersten kommerziell nutzbaren CCD-Flachbettscanner auf den Markt. Sie waren eine preiswerte Alternative zu den Trommelscannern und gestatteten die Digitalisierung von großen und flachen Vorlagen mit hohen Auflösungen. Damit begann eine Entwicklung, die einen Berufszweig der Fotografie nahezu komplett auslöschte: die Reprofotografie.

Was zuvor ein eigener Teil des „Fotografie“-Ausbildungsberufes war, verschwand und diffundierte zum Beispiel in die digitale Druckvorstufe, zu den Archivaren und Museumsleuten, in die Galerien und Kunsthandlungen, zu den Architekten und in die Industrie und deren Konstruktions-, Dokumentations- und Presseabteilungen. Mit der Einführung dieser Technologie – und später der digitalen Kameras –, war es eben nicht mehr notwendig, Wissen über Farbauszugsfilter, Lithfilmentwicklung oder große stationäre Reprotechnik aufzubauen und zu verwenden. Auch der Paradigmenwechsel von einzelnen gezeichneten Plänen und analog erzeugten Bildern zu digitalen Datensätzen, die beliebig oft gedruckt oder online versandt werden konnten, veränderte die Anforderungen, Anwendungsgebiete und Anwenderprofile dramatisch.

Sind auch ältere Reprovorlagen erst einmal digitalisiert, sind sie beliebig vermehr-, verteilbar, indizier- und damit (heute mit KI-Technologie) durchsuchbar. Viele der ursprünglichen Arbeitsgänge entfallen also komplett. Was früher analoge Archivtechnik war, ist heute IT-Wissen über Datenbanken, Netzwerk- und Servertechnologie.

Standortbestimmung

Dieser Beitrag ist ein Versuch, den Status dieser Technologie aufzuzeigen. Zum einen aus der Wahrnehmung von Profifotografen – als Inspiration für neue Geschäftsideen, als Neuorientierung alter Modelle und als Überblick über die Sichtweise möglicher Kunden. Zum anderen aus der Sicht der Lieferanten, die derzeit versuchen, diesen neuen, ständig umbrechenden Markt zu erschließen, ja auch zu verstehen.

Das Ziel ist es, verschiedene Technikmodelle, Anwendungsbeispiele, Kundenanforderungen und Rahmenbedingungen speziell für die B2B-Nutzung zu erklären und in den genannten Kontext zu setzen. Gerade für B2B-Kunden und Dienstleiter existieren kaum interdisziplinäre Infrastrukturen und übergreifende Literatur. Auch existieren nur wenige Fachmessen, kaum Ausbildungsmöglichkeiten oder ein einheitliches Berufsbild, wie früher der Reprofotograf.

Professionelles „Scannen“ bezeichnet heute alles, was analoge Vorlagen digitalisiert, von 2D-Repros, Auf-/Durchsicht bis 3D-Volumenscanning für Renderings oder Messkammeranwendungen. Die Technik variiert dabei von Zeilenscannern für Gigapixel-Auflösungen in stationären Geräten über portable Kameras bis zu höchstauflösenden Flächensensoren mit Multishot-„Computational Photography“-Anbindung und vor allem den entsprechenden Workflows, die diese Geräte für Anwender leicht beherrschbar machen.

Um Aussagen treffen zu können, wurden Gespräche mit Fachinstitutionen, Endanwendern und Technikfirmen geführt. Einige von denen waren erstaunt, dass erhebliche Definitionslücken oder Zersplitterung vorherrschen. So war in einem längeren Gespräch mit Andreas Marx (Fotograf, Fotografeninnung Schwaben, Fototechnischer Leiter bei Novoflex) schnell klar, dass dazu im Moment keine Fokussierung auf diese Themen in einer dedizierten Berufsausbildung an den Berufsschulen existiert. Inwieweit dieses Wissen jetzt zum Beispiel beim Ingenieurs-Studiengang Fototechnik oder anderen Studienbereichen vermittelt wird, soll in späteren Interviews und Berichten geklärt werden.

Fokus auf Technik

Natürlich gibt es noch die klassischen Scannerhersteller wie Epson, Microtek, Umax und Canon. Bei Hasselblad kann man z. B. immer noch den Flextight-Scanner kaufen. Lasersoft Imaging entwickelt seit Jahrzehnten sehr erfolgreich die SilverFast-Software zum De-facto-Standard für Flachbettscanner. Ein Beispiel dafür ist die Bayerische Staatsbibliothek in München, deren Digitalisierungsabteilung seit Mitte der 1990er-Jahre mit eine der führenden Rollen auch in der Definition der nötigen Parameter zusammen mit der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) in den Praxisregeln zur Digitalisierung erarbeitet hat. Dabei wurde über die Jahre mit den aktuell führenden Profiscanner-Anbietern wie Zeutschel mit deren Parallelogramm-Buchscannern und Treventus (automatisierte Buchroboter), Hasselblad im Kamera-„scan“-Bereich, aber dann auch mit dem Leibniz-Rechenzentrum zusammengearbeitet und mithilfe von Consultants (unter anderem auch mir selbst) der notwendige Rahmen in der Reprografie, im Farb­management und dem Datenhandling sowie der Veröffentlichung in digitalen Medien pilotiert. Mit diesen Rahmendefinitionen können so auch externe Dienstleister für alle an dem Projekt angeschlossenen Museen und Büchereien zuarbeiten und gleiche, konti-
nuierliche Qualität liefern. Gerade für kleinere Institute und Museen ist das interessant, wenn diese keine eigenen Planstellen dafür bereitstellen können.

Geänderter Blickwinkel

Im Gespräch mit dem Leiter der Digitalisierungsabteilung Dr. Markus Brantl wird klar, wie weit sich die Idee des Workflows und der Zugänglichmachung dieser Daten inzwischen vor den rein technischen Aspekt des Scannens geschoben hat. So hat die „Stabi“ in Kooperation mit vielen anderen Museen, Büchereien, Archiven und Universitäten unter Leitung der Standford University das IIIF-Projekt („International Image Interoperability Framework“) zur internationalen Zugänglichmachung und Teilung digitalisierter Daten erarbeitet. Damit soll unter Verwendung gemeinsamer Formate, Standards, APIs usw. ein problemloses Teilen von Wissen und Inhalten ermöglicht werden.

Außerdem kooperiert die Stabi mit Google Books, einem weltweit einzigartigen Scanprojekt Googles. Dort wurden bisher ca. 50 Millionen Bücher erfasst. Dies betrifft aber hauptsächlich die Massendigitalisierungen von Literatur bis ins 19. Jahrhundert. Hochwertige ältere Handschriften, etwa aus dem Mittelalter, werden anders gescannt. Dafür bietet die Stabi auf ihren Webseiten sogar vollen 3D-Zugriff auf solche wertvollen Schriften. Gerade jetzt beweist sich das Konzept der digitalen Bibliothek als richtungsweisend, weltweit kann auf Daten 24/7 zugegriffen werden. So werden Forschung und Lehre auch in Ländern gefördert, teils überhaupt erst ermöglicht, die nicht die Mittel dafür aufbringen können.

Genauso umfassend findet im Moment eine komplette Umbildung bei Phase One statt. Deren Industrial-Sparte hat gerade auch den Scanning-Bereich entwickelt (aber mit Flächensensoren – obwohl Phase One einer der Pioniere der Zeilenscanner-Technologie war –, dazu beispielhaft die Power-Phase-Rückteile als letzte Entwicklungsstufe). So im B2B-Bereich, zum Beispiel für den klassischen Cultural-Heritage-  und Multispektral-Bereich, aber auch für die Luftbildfotografie, klassisch und mit Drohnen, sowie eine 3D-Arm- und Messkammertechnik.

Die inzwischen abgespaltene Capture-One-Softwareabteilung produziert eine spezielle Cultural-Heritage-Version von C1, die besondere Funktionen für die Reprografie – Aufsicht bis Durchlichtvorlagen – bietet. Gerald Schnittger, Geschäftsführer Phase One Deutschland, betont, wie wichtig das Zugehen auf die Anwender und deren Einbindung in komplette Workflows derzeit ist. Ein großer Teil der Integrationsarbeit, die dafür geleistet werden muss, ist heute Bestandteil des Portfolios dieser ehemals eher technischen Firmen, die sich heute als Full-Solution-Dienstleister definieren. Dass das gelingt, zeigt auch und gerade der Erfolg der Industrial-Sparte.

Fotografen suchen ebenfalls neue Betätigungsfelder. Die Drohnenfotografie ist inzwischen im Mainstream angekommen. 3D-Vermessung ist dagegen ein Spezialgebiet, das aktuell mit höchstauflösenden Drohnen bis auf den Millimeter genaue Plan­erstellungen erlaubt. Das Know-how dafür werden die meisten Architekten oder Verwaltungen/Bauämter usw. sicher kaum selbst erwerben, hier werden Dienstleister aus dem Fotobereich, die auf solides Vorwissen zurückgreifen können, bessere Ergebnisse erzielen.

Bei Rencay, einem Fachanbieter, der sich sehr stark im internationalen Museumsbereich etabliert hat (zum Beispiel an der Tretjakow-Galerie in Moskau), wird nach wie vor die Zeilenscanner-Technologie prädestiniert und weiterentwickelt. Deren reiner RGB-Output ohne Bayer-Pattern ermöglicht besonders große und hochwertige Reproduktionen. Besonders wichtig ist aber laut Georg Pilz, dem Verkaufsleiter von Rencay, inzwischen vor dem technischen Aspekt die absolute Benutzerfreundlichkeit. Denn wie schon erklärt: Der heutige Benutzer ist nicht mehr notwendigerweise Fachmann. Vielmehr kommt es darauf an, in kürzester Zeit möglichst viele Bilder störungssicher und qualitätsstabil zu erzeugen. Weiterhin sollen die Daten dann nahtlos an Datenbanken übergeben werden und die dort vollautomatisch verschlagwortet, indiziert sowie weltweit zugänglich gemacht werden.

Ein weiteres Beispiel ist die Firma Cruse, die viel im Dekorbereich tätig ist. Dort werden großflächige Vorlagen (typischerweise A0) als „Digitalisate“ für bis sogar 3D-Druck („Struktur“), Stoffe, Tapeten usw. erfasst und dann mit Digital- oder Siebdruck für Oberflächenimitate verwendet. Aber auch für stationären Einsatz bei Gemäldereproduktionen erbringen diese Systeme hochwertigste Ergebnisse. Der Preis spielt für Druckereien oder Dekohersteller in der Regel nur eine untergeordnete Rolle. Hier werden oft Hunderttausende Euro ausgegeben. Das wird solche stationären Lösungen für Fotografen, die neue Geschäftsfelder suchen, nur in Ausnahmefällen und mit sehr speziellen Kunden amortisierbar machen.

Nach wie vor sind hochwertige mobile Gemälderepros ein kommerzielles Thema. Hier bietet sich spezialisierten Fotografen mit geeigneter Technik ein nachhaltiges Geschäftsfeld. Zeilen- oder Flächensensor nehmen sich inzwischen kaum noch etwas. Jetzt gerade hat Fujifilm mit der Multishot-Firmware für die GFX100 ein hochwertiges 400-Mpix-Bild ermöglicht, das klassischen „Scanlösungen“ absolut Konkurrenz machen kann.

Eine weiterhin interessante Geschäftsidee sind historische Negative. So sind sicher immer noch in vielen Stadtarchiven, Stadtmuseen usw. Mengen an Vorlagen zu digitalisieren. Nicht jeder kleine Ort hat dabei a) eine Fachkraft für so etwas, noch b) regelmäßig Geld dafür übrig. Zwar sind günstige A3-Scanner inzwischen auch schon für einige Hundert Euro zu bekommen. Geräte wie etwa ein Epson Expression 12000XL Pro oder ein Microtek 1000XL Plus mit Durch- und Auflicht können auch historische (Glas-)Negative digitalisieren. Das sind professionelle Geräte mit ordentlichen Dichtereserven und vernünftigen Scangeschwindigkeiten. Gerade schwierige Negative kann man so mit Know-how individuell behandeln, sonst bekommt man keine ordentlichen Ergebnisse. Auch dabei gibt es einiges zu beachten – mit moderner Scansoftware wie SilverFast kann man so ein Gerät ausnutzen, eine Implementierung einer Bilddatenbank beim Kunden könnte zudem wichtig sein.

Dies ist nur ein kurzer Abriss und Ausblick auf ausführlichere Berichte zum Thema. Gerade Themen wie Umsetzung beim Kunden, Serviceleistungen und Support, Schulungen und permanente Weiterentwicklung sind in diesem professionellen Bereich selbstverständlich. Zeutschel beispielsweise hat vor einiger Zeit die CCD-Scanzeilen in Rente geschickt und setzt jetzt CMOS-„Zeilen“-Sensoren sehr hoher Qualität ein. Um wertvolle Investitionen in diese Großgeräte zu schützen, werden sogar vorhandene Maschinen beim Kunden umgerüstet.

 


 

TIPA 2020
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