Grenzübertritte

Uschi Groos fokussiert auf außergewöhnliche Themen – in ästhetisch außergewöhnlichen Bildessays.

Foto von Uschi Groos aus digit! 3-2021

„Ich sah die Lawine auf mich zurollen, spürte, wie sie mich erfasste und mich unter sich begrub. Ich fahre schon lange Ski, ich hatte schon einiges über Lawinen gelesen, und trotzdem dachte ich, als alles zum Stillstand kam und ich spürte, dass ich unverletzt geblieben war: Jetzt schüttelst du den Schnee ab und stehst wieder auf. Aber da war nichts mit Abschütteln, ich konnte meinen Körper keinen Millimeter bewegen, der Schnee hielt mich umklammert wie eine bleierne, kalte Decke. Meine Skibrille hatte eine Kuhle hinterlassen, in der ein wenig Luft eingeschlossen war. Ich wusste, dass ich noch für etwa 15 Minuten Sauerstoff haben würde; wenn ich flach und langsam atmete, so wie ich es bei meinem Tauchlehrgang gelernt hatte, vielleicht ein paar Minuten mehr. Was ich nicht wusste, war, ob meine Begleiter auch verschüttet waren oder ob sie nach mir suchten. Die Sauerstoffsättigung schwand, meine Gedanken drifteten allmählich ab, ich wartete auf den Tunnel, von dem man sagt, dass man ihn am Lebensende sieht. Ich wartete auf den Tod.“

So beschreibt Groos das, was sie vor zwei Jahren bei einer Skitour im norwegischen Bergland erlebt hat. Dank ihres Piepers und ebenso erfahrener wie beherzter Skiguides, die sie ausgruben, überlebte sie, ohne körperliche Schäden davonzutragen. Psychisch aber hat sie die Nahtod-Erfahrung lange nicht losgelassen, auch deshalb hat sie diese in einem Foto-Essay verarbeitet. „Das war meine Therapie“, sagt Groos über „Avalanche“ (französisch für Lawine), die ein gutes Dutzend Bilder fassende Serie, die sie in den Alpen und im Studio umgesetzt hat.

Eindrückliche Bilder sind entstanden, mysteriös, ästhetisch betörend und klaustrophobisch zugleich: ein apokalyptisch verfremdeter Handyshot der Lawinenabbruchkante. Ein in einer Folie verpackter Gletscher. Die Fotokünstlerin in verschiedenen Selbst­ins-
zenierungen unter Tüchern und Folien, das Gefühl des Lebendig-Begrabenseins und der Luftnot visualisierend. Weiße Schneemassen und das absolute Schwarz, das sie sah, als sie von Schneemassen verschüttet war. Ewiges Eis, kalt und blau schimmernd. In einigen Bildern hat Groos dieses Eis mit goldfarbenen Adern versehen, so wie es in der japanischen Reparaturmethode Kintsugi mit zerbrochener Keramik geschieht, die mit goldenem Kitt kunstvoll instand gesetzt wird, mit dem Ziel, etwas Versehrtem ein zweites Leben einzuhauchen.

Gehirngewaschene Taliban und  „Miss Holocaust“-Wahlen

Eine Nahtod-Erfahrung, fotografisch umgesetzt: sicher keine leichte Kost. Aber auch sonst scheut die Fotografin, die hauptberuflich ein Unternehmen für Kindergarten- und Schulfotografie betreibt, keine kontroversen Themen. So hat sie unter anderem Taliban porträtiert, die in einem pakistanischen Gefängnis ein Deradikalisierungsprogramm durchlaufen haben, und zeigt in vermeintlichen Vorher-Nachher-Bildern zweifach Gehirngewaschener das Gesicht des Fanatismus. In der israelischen Hafenstadt Haifa hat sie die Teilnehmerinnen des Wettbewerbs „Miss Holocaust Survivor“ fotografisch begleitet – ein Beauty-Event, bei dem ausnahmslos Frauen antreten, welche die Schoah überlebt haben. Groos setzte dabei bewusst auf bunte, fröhliche, fast schon ein wenig kitschig wirkende Hintergründe, um …

 


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