DIE UNBERÜHRBAREN

Der Fotograf und Medienkünstler Max Eicke über sein Foto(buch)-Projekt „Dominas“, an dem er insgesamt drei Jahre lang gearbeitet hat.

Ich habe mich seit Abschluss meines Fotografiestudiums mit unterschiedlichsten Sujets und künstlerischen Strategien auseinandergesetzt; eine dokumentarische Arbeit über Dominas stand da nicht natürlicherweise auf der Agenda. Ich bin zu dem Thema gekommen, weil mir die Autobiografie einer Kunstgeschichtlerin in die Hände fiel, die ihr Studium mit diesem Job gegenfinanziert hatte. Ich wurde neugierig: Wie viel Selbst- bzw. Fremdbestimmung steckt hinter dieser Art von Sexarbeit? Welche Bilder habe ich selbst im Kopf, wenn ich den Begriff „Domina“ höre? Und wie viel haben diese Bilder mit der Wirklichkeit zu tun? In der Folge habe ich mich intensiver mit dem Thema beschäftigt und festgestellt, dass sich die meisten Medien dem Thema in reißerischer Form nähern, die wenig mit der Lebensrealität von Dominas zu tun hat. So kam ich auf die Idee, ein dokumentarfotografisches Projekt zum Thema zu starten. Die Frage war bloß: wie anfangen und wo anknüpfen? Ich habe über einschlägige Internetseiten Kontakte recherchiert und E-Mails an die Frauen verschickt, in denen ich mein Projekt erklärt habe. Passiert ist daraufhin erst einmal: gar nichts. Irgendwann habe ich mir aus einem Moment der Frustration heraus gesagt, jetzt probierst dus noch einmal. Mit einem Buch voller Bildbeispiele bin ich in München zu einem Domina-Studio und habe geklingelt. Aufgemacht hat mir eine junge Frau. Ich habe bestimmt fünf Minuten gebraucht, um ihr klarzumachen, dass ich kein Interesse an einer Session habe. Sie fand das Projekt spannend, wollte aus persönlichen Gründen aber nicht selbst teilnehmen. Aber sie hat mir sehr geholfen, erste Kontakte in der Szene zu knüpfen, aus denen sich dann immer weitere ergaben.

In der Folge habe ich dann insgesamt 170 Dominas kontaktiert. Am Ende haben 26 Frauen mitgemacht.

Herrinnen – und ihr Selbstbildnis

Damit waren die Protagonistinnen klar, nicht aber die Art, wie ich sie porträtieren wollte. Eins allerdings stand für mich von Anfang fest: Ich wollte keine sexy Bilder, sondern solche mit dokumentarischem Charakter. Einen Moment lang habe ich deshalb überlegt, die Frauen in Alltagskleidung zu fotografieren, mich aber dann dagegen entschieden, weil das spezielle Outfit zwingend zur Rolle einer Domina gehört und Einfluss auf die Körperhaltung hat. Die Wahl des Outfits und Make-ups habe ich den Frauen überlassen, bei der Art der Inszenierung wollte ich aber das Heft in der Hand halten.

Schnell war klar, dass die meisten Frauen sich auf eine bestimmte Weise zeigen wollten und dass diese Weise nah dran ist am Hochglanz-Bild, das sie ihrer Kundschaft gegenüber vermitteln wollen. Ich hingegen hatte kein Interesse an „Corporate“-Portraits, ich wollte vielmehr die Ambivalenzen zwischen der Rolle als Domina und dem Privatmenschen sichtbar machen. Deshalb habe ich versucht, aufreizende, klischeehafte Posen zu konterkarieren und Augenblicke festzuhalten, in denen die Frauen ihr einstudiertes Selbstbild kurz fallen ließen. Bisweilen hat sich so ein Machtkampf um die richtige Art der Inszenierung entsponnen.

Der zweite Blick

Die Portraitsitzungen fanden am Arbeitsplatz, teilweise auch in Privatwohnungen statt. Ich habe mein Equipment mitgebracht, weil ich einen einheitlichen Hintergrund und Look erzielen und den Fokus auf die Person lenken wollte. Das Licht …


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