Die Gewalt in uns
Mit dem Fotoessay „Enjoy the violence“ spürt Ostkreuz-Absolvent Henryk Boeck den psychischen und strukturellen Aspekten körperlicher Gewalt nach.
Ich bin als Nachwendekind in Ostberlin aufgewachsen, hatte bereits eine Lehre als Hotelfachmann absolviert, mich aus Langeweile und aus dem Bedürfnis heraus, mir Strukturen zu schaffen angesichts des Strukturvakuums, das im Wilden Osten nach der Implosion der DDR herrschte, ein paar Jahre als Zeitsoldat verdingt, ein paar mir allzu verschult erscheinende Semester Medienwissenschaften und Soziologie hinter mich gebracht und einen Job in einer Videothek aufgenommen. Erst hier, mit 29, hatte ich das erste Mal bewusst eine Kamera in der Hand und habe mich dann zwar spät, aber doch ziemlich heftig, in die Fotografie verliebt.
Ich war begeistert, habe mich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, der Weg in den Beruf verlief dann erstaunlich schnell und glatt – bald konnte ich von meiner Editorial- und Corporate-Foto- sowie Videografie den Lebensunterhalt für mich und meine Familie bestreiten. Mit Anfang 40 habe ich dann angefangen, parallel zu meiner Arbeit Abendkurse und Wochenendseminare an der Ostkreuzschule zu belegen, und habe in einem dieser Seminare, das unter dem Label „conceptual documentary“ stand, die Idee zu „Enjoy the violence“ entwickelt.
Ursprünglich sah das Konzept eine detaillierte Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Aspekten von Gewalt vor. So wollte ich das Thema sozialwissenschaftlich, literarisch, kultur- und kunstgeschichtlich analysieren, mich dazu unter anderem mit den Kriegsbildern von Robert Capa und Anja Niedringhaus beschäftigen, dazu eigene Erfahrungen einfließen lassen, die Rolle von Täter und Opfer hinterfragen und zu diesem Themenkonglomerat eine persönliche Bild-Ästhetik entwickeln. Wie sich im Laufe der einjährigen Produktion dann zeigen sollte, war das Konzept zu facettenreich und ambitioniert angelegt. Was mir insbesondere klar wurde: Weder konnte noch wollte ich eine ethische Einordnung des Phänomens vornehmen.
Konzentriert habe ich mich schließlich auf wenige Schauplätze, in denen ich männlicher Gewalt nachspüren konnte. Die Idee, auch weibliche Gewalt zu visualisieren, verwarf ich, als mir …
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