Ästhetik und Erkenntnis

Michelle Aimée Oesch stellt ihr Gestaltungsvermögen ganz in den Dienst der Didaktik. Schönheit ist dabei nur ein Nebenprodukt.

Foto von Michelle Aimée Oesch

Kann man einen durch Fehlgeburt abgestoßenen Embryo so fotografieren, dass der Betrachter nicht etwa weg-, sondern fasziniert hinschaut? Man kann, die Aufnahmen, die Michelle Aimée Oesch als Fotografin an einer veterinärmedizinischen Fakultät von Katzen-, Hunde-, Kuh- oder Känguruembryonen anfertigt, sind das beste Beispiel dafür. 2021 wurde sie unter anderem für ihre technisch beeindruckenden und emotional berührenden Bilder des ungeborenen Lebens mit dem Wissenschaftspreis der DGPh ausgezeichnet. Tatsächlich sind die Aufnahmen von einer stillen, fast schwebenden Präsenz. Sie sind klar und präzise und zugleich respektvoll und anmutig.

Auch andere fotografische Abbildungen, die Oesch als wissenschaftliche Fotografin an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Zürich, zu der auch ein Tierspital gehört, anfertigt, wirken ästhetisch. Die filigranen Verästelungen präparierter Blutgefäße, der eingefärbte Zahn eines Pferdes, der einem Schmuckstück gleicht; die mal flaumig behaarte, mal nackte Unterseite von Katzen- und Hundepfoten; die skulpturale Qualität eines Pferdebeckens.

Doch wer in dieser Ästhetik einen Selbstzweck vermutet, missversteht Oeschs Ansatz. Denn die Schweizerin sucht in ihrer Arbeit nicht nach Schönheit, sondern nach Verständnis. Schönheit, sagt sie sinngemäß, entsteht eher als Nebeneffekt, wenn Reduktion, Konzentration und Klarheit das Wesentliche sichtbar machen. „Was muss sichtbar sein? Das ist die zentrale Frage meiner Arbeit.“

Wurzeln in der Fotokunst

Ihr Aufgabenspektrum ist erstaunlich vielfältig: Oesch arbeitet für Forschung, Lehre, wissenschaftliche Dokumentation sowie öffentliche Kommunikation und fotografiert anatomische Präparate. Sie begleitet Studien, erstellt Portraits und entwickelt Bildstrecken für Jahresberichte. Dabei sind ihre Bilder Ausdruck eines gedanklichen Prozesses: beobachten, auswählen, komponieren, reduzieren. Fotografie als Methode der Erkenntnis. Die Reduktion auf das Wesentliche, auf das Wesen der Dinge. …


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