Wer wir sind

Stefan Steib schreibt in seiner bislang persönlichsten digit!-Kolumne über die Authentizität als Aufgabe der (Profi-)Fotografie

Fotos von Stefan Steib

Ich erinnere mich an meine Oma, die oft eine Kittelschürze anhatte. Nicht schön, aber praktisch – sie war kein bisschen eitel. Wenn man sie fotografierte, war sie „sie selbst“. Meine Eltern hatten viel mit Fotografie zu tun, mein Vater war begeisterter Benutzer der Voigtländer Prominent (mit Wechselobjektiven, das war ganz schön teuer damals). Es gibt kiloweise Negative und Dias, von seinen Reisen, von unserer Familie, von uns Kindern und dann noch die alten Sachen von den Groß- und Urgroßeltern, das war immer gegenwärtig. Ich habe immer noch die Familienalben zu Hause, meine Schwester wollte die nicht nach Kanada mitnehmen („Du bist doch Fotograf, mach was draus …“).

Also jetzt diese Kolumne, vielleicht die persönlichste, die ich jemals schreiben werde.

Auf diesen Fotos, die in den 1800ern beginnen, die frühen 1900er zeigen und dann meine Kindheit in den 50ern und 60ern, sind die Leute meist ernst, beschäftigt oder eben grade gar nicht bereit, fotografiert zu werden, aber sie sind dann trotzdem auf den Fotos.

Man sieht sie in ihren Alltagsklamotten oder ihrem Sonntagskleid/-anzug. Keiner macht „Duckfaces“, stellt sich groß in Pose (wir hatten, außer vielleicht im Kino, dafür keine Vorbilder, also machten wir es auch nicht) oder fühlt sich belästigt oder gar wichtig. Man zeigte sich eben so, wie man grade war.

Retuschiert wurde da nix, allerdings gab es da den Gang zum „Photographen“, wo man ab und zu ein professionelles Portrait machen ließ. Das war damals bei mir in Freising „Photo Strasser“, der hatte tatsächlich ein Nordlichtstudio und der konnte wirklich fotografieren – Chapeau, der hatte es drauf! Und er hatte einen Stil, der war pure 50ies, und das aber mit sehr pfiffigen Details und einem Blick für die Menschen. Dort wurde man hübscher, von seiner (meist verborgenen) Schokoladenseite gezeigt, top beleuchtet und dann kunstvoll auf Baryt in einem Passepartout gerahmt, das war schön und das machte Freude, weil man sich selbst gar nicht so kannte. Keiner hatte das Bedürfnis, …

 


Sie wollen den kompletten Beitrag in der aktuellen Ausgabe lesen? Hier können Sie die digit! 3-2026 kaufen!