Handgefertigte Foto-Fantasie-Collagen, die viele Photoshop-Montagen ziemlich alt aussehen lassen. Drei Dinge sind hilfreich, wenn man die Bilderwelten von Hugh Kretschmer verstehen will.
Erstens: Der Absolvent des kalifornischen Art Center College of Design ist als Stilllifer gestartet (laut Kretschmer der Grund dafür, dass seine Models oft wirken wie Schaufensterpuppen).
Zweitens: Er kommt aus einer Künstlerfamilie und ist selbst Vater eines kleinen Kinds, dem er regelmäßig vorliest (weshalb er sich durch die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts ebenso inspiriert sieht wie durch Kinderbücher).
Und drittens: Er bekennt, nicht viel von Photoshop zu verstehen (weshalb er lieber Collagen bastelt als mit Ebenen oder dem Zauberstab zu hantieren).
Eines Tages, so Kretschmer, habe er eine Plastikbeutel an einem Baum in einem Park in Brooklyn hängen sehen und sich überlegt, wie es wohl aussähe, wenn dort statt der Tüte ein Mann der Willkür des Windes ausge- setzt wäre. Da die physische Umsetzung jeden logistischen und finanziellen Rahmen gesprengt hätte, verfiel Kretschmer auf die Idee, die Szenerie als Assemblage zu realisieren – einer Art dreidimensionaler Collage, die er auf dem Studioboden platzierte und dann in Aufsicht abfotografierte.

Die bilderbuchartige Ästhetik und die handwerkliche Arbeitsweise sind typisch für den Mann aus L. A. Geradezu unglaublich erscheint seine Technik bei einem anderen Bild. Zu sehen sind zwei Hände, die wie Boxhandschuhe geschnürt sind und auf einem Regal stehen. Auch diese Chimäre ist nicht etwa das Produkt ausgefeilter Photoshop-Techniken, sondern von Fotografien, die als Inkjet-Prints ausgegeben, ausgeschnitten, in eine dreidimensionale Form gebracht und anschließend erneut abfotografiert wurden.
Andere Beispiele der anachronistischen, aber durch- schlagskräftigen Analog-Technik: Ein kugelrunder, mit Helium abgefüllter Mann, der wie ein Luftballon durch den Raum fliegt; ein Liebespaar, das auf dem Schatten einer Baumkrone sitzt; Zirkusdarsteller, die an Regenschirmen schweben oder unterleiblose Cabaret-Girls, deren BH aus den Spulen ei- ner historischen Filmkamera gefertigt ist. Kretschmers Welt ist skurril, witzig, zuweilen alptraumhaft-düster, meist aber von einer kindlich-verspielten Leichtigkeit. Auch Anklänge an Filme von Fritz Lang oder Federico Fellini sind zu finden. Ziel seiner akribischen Kleinstarbeit sei es, die Botschaft unmittelbar zu übermitteln, zugleich aber genug Detailinformationen beizumengen, um „das Auge einige Momente lang länger zu fesseln“, sagt Kretschmer. Keine Frage, hier ist ein Besessener am Werk, dessen produktiver Output naturgemäß begrenzt ist. Immerhin scheint sich der abstrus anmutende Arbeitsaufwand inzwischen auszuzahlen:
Seit einiger Zeit arbeitet der Kalifornier nicht nur für renommierte Medien wie Esquire, GQ, New York Times Magazine oder den Rolling Stone, sondern auch für Werbekunden wie Mastercard, Evian, Toyota, Old Spice oder Sony. Die extraordinäre Handarbeit mit Kamera, Schere und Requisiten wirft die alte Frage auf, ob der Entstehungsprozess eine Bedeutung für die Wirkung eines Werks hat. Im Falle Kretschmers lässt sich das uneinge- schränkt bejahen: Erst wer um das zugrundeliegende Produktionsprinzip weiß, begreift, wieso seine Fantasiewelten so unwirklich und vertraut zugleich wirken. So plakativ und hintersinnig, verspielt und doppelbödig, im buchstäblichen, physischen Sinne vielschichtig: real, surreal, genial.
www.hughkretschmer.net
| www.sharpeonline.com
| www.clark-oshingallery.com/hughkretschmer_images.html
Den kompletten Artikel finden Sie in
| < Zurück |
|---|

