
Als Inspirationsquellen verweist Seale nicht nur auf die Chronofotografie-Veteranen Harold Edgerton und Eadweard Muybridge, sondern auch auf die Kubisten. Tatsächlich erinnert vor allem seine Schwarzweiß-Aktserie „Temporal Form“ an Picasso und Co, im psychedelischen Zerfließen der nackten Körper aber auch an Salvador Dalì. In seinen jüngeren farbigen Serien fängt Seale den Faktor Zeit in Motiven wie Sportveranstaltungen, Landschaften oder der Bewegung der Gezeiten ein – lesbar als Langzeitbelichtungen in horizontaler und als Schnappschüsse in vertikaler Richtung. Einen ästhetisch noch radikaleren Ansatz verfolgt der auch ansonsten nicht um abseitige Einfälle verlegene Franzose Frederic Fontenoy in seiner zwischen 1988 und 1990 erstellten Slit-Scan-Fotoserie „Métamorphose“. Nackte Männerkörper zerfließen und vereinen sich mit Wald-, Feld- und Küstenlandschaften, delphin-, schwan-, alienartig wie fleischfarbener Rauch in einem schlechten Drogentripp. Welcher handwerklich-technische Aufwand zu analogen Zeiten hinter den anmutig-alptraumhaften Slit-Scans steckte, kann man nur erahnen. Heute geht das auch weit banaler, ein iPhone und 0,79 Cent reichen: Im Apple Store steht mit „Timetracks – Slit- Scan Camera“ eine App bereit, die zumindest erste Gehversuche in der fotografischen Zeitbeugetechnik ermöglicht. www.ansenseale.com

www.fredericfontenoy.com/Site/ Metamorphose

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in
| Weiter > |
|---|

