Am Ende der Reise ist ihm dann doch noch mulmig geworden: Als Frederic Lezmi in Beirut in die Gondel eines Riesenrads steigen will, um die Stadt von jenem Fahrgeschäft aus zu fotografieren, das wie kein zweites für das lustbetonte, zweckfreie Vergnügen westlicher Prägung steht, da winkt der Mann am Kassenhäuschen ab. Nicht diese Gondel, er solle die nächste nehmen, die sei weniger angerostet. Es ist die einzige brenzlige Situation, die der Kölner Fotograf während seiner viermonatigen Reise vom Abend- ins Morgenland erlebt – körperlich gesehen. Denn psychisch ist die Zeitlupen-Odyssee zweifellos eine Tour de Force. Schließlich geht es um nichts weniger als Lezmis Diplomarbeit. Und um die Frage, wie man die ganz allmähliche Durchdringung zweier verschiedenerer, sich teilweise widersprechender Kulturen in die richtigen Bilder fasst. In Wirklichkeitsausschnitte, die bis zur Kenntlichkeit durchgezeichnet sind und doch inhaltlich gebrochen. Plakativ aber klischeefrei. Die zugleich nachdenklich machen und zum Lachen animieren: Ein Spagat.

August 2008: Lezmi steigt in seinen Opel Astra und fährt von Köln nach Graz, dem Startpunkt seiner fotografischen Suche nach dem Grenzverlauf zwischen Okzident und Orient. Lezmi kennt die islamische Kultur (als Kind hat er im überwiegend muslimisch geprägten Senegal gelebt, während seines Studiums ein Jahr in Beirut verbracht und war auch sonst viel im Nahen Osten), und sie fasziniert ihn. Es ist auch die Suche nach seinen biografischen Wurzeln, die den Sohn einer Deutschen und eines Libanesen, immer wieder Richtung Osten aufbrechen lässt. Die Tatsache, dass er in arabischen Ländern als Mann des Westens wahrgenommen wird, im Westen aber als Araber, seit dem 11. September mehr denn je. „Ich hätte mir natürlich auch ein Thema im Nahen Osten suchen, können, aber ich fand diese Idee, den Grenzverlauf zwischen arabisch- islamischer und christlich-abendländlicher Kultur auszukundschaften, viel spannender“, sagt Lezmi, der seine Kindheit in Dakar, Genf und schließlich im Schwarzwald verbracht hat und sich als „durch und durch westlich sozialisiert“ beschreibt.
„Gleich hinter Wien fängt der Orient an“, hatte sein Großvater mütterlicherseits einst in einem Brief geschrieben. Jahrzehnte später reist Lezmi in Richtung der aufgehenden Sonne. Das erste Mal holt der Diplomand der Essener Folkwang Hochschule seine Canon EOS 5D Mark II im österreichischen Graz aus dem Fotorucksack. Eine der hier entstanden Aufnahmen wird der Aufmacher der 32 Takes umfassenden Diplomarbeit, die er gleich nach seinem Abschluss in Eigenregie beim Independent-Verlag White Press als Buch veröffentlicht. Lezmi reist weiter in Richtung der aufgehenden Sonne, schläft im Auto und auf Campingplätzen. Kroatien, Bosnien, Kosovo, Rumänien, Türkei, Syrien und schließlich der Libanon. Die kulturelle Demarkationslinie verschiebt sich im Laufe der „Bilderbuch“-Reise von Tag zu Tag, von Ort zu Ort weiter Richtung Osten. „Es war wirklich witzig. Ich hatte Reiseführer von der ganzen Strecke dabei, und in praktisch jedem stand, dass jetzt hier das Tor zum Orient sei“, sagt Lezmi und lacht.
Das nächste gute Bild ist überall
Reiseführer versprechen Struktur, nehmen Entscheidungen ab, sagen einem, wo man hingehen soll. Lezmi hat sie gelesen – und die meisten Ratschläge in den Wind geschlagen. „Es ist diese Spannung des Entdeckens, des sich Treibenlassens, die mich fasziniert. # BU Alles klar? Aussicht von der Bar des Marmara Hotels im Zentrum Istanbuls ...
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