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Ein Schuss, ein Film

22_fokus_2Wenn Philipp Schumacher seine gigantischen Tableaus inszeniert, ist der Aufwand filmreif. Das Ergebnis aber auch: One-Shot-Movies, atmosphärisch dicht wie Spielfilm-Sequenzen, nur eben unbewegt – und weitaus schärfer.


Die Zeit anhalten, der alte Menschheitstraum. Schumacher verwirklicht ihn auf seine Weise. Ein bis zwei Mal im Jahr schert er aus seinem Job als Still-Life- und Werbefotograf aus, lässt seine digitale Mittelformatkamera im Studio, packt stattdessen seine analoge Großformatkamera vom Typ Sinar F2 ein, dazu Planfilme, Folienfilter, Filmscheinwerfer, Nebelmaschine und oft auch seinen lebensgroßen, aus Fiberglas gefertigten Hirschen und nimmt ein neues „Lichtbild“ in Angriff. Lichtbilder – das ist der interpretationsoffene Name, den er seinen großformatigen, durchnummerierten Bildtableaus gibt, die so aussehen als habe jemand die Schlüsselszene aus einem Spielfilm herausgeschnitten und auf Fotopapier vergrößert. Ein „Frame“ pro Jahr statt 24 Frames pro Sekunde. In Schumachers Still-Frames ist die Zeit gefangen, die Handlung entwickelt sich im Hirn des Betrachters, Kopfkino in kristalliner Form. Ein One-Shot-Movie, wenn man so will: Ein Schuss, ein Bild.

Lichtbild Nr. 16: Schumacher inszenierte den Atomunfall im Garten kurz vor der Fukushima-Katastrophe.Ein Atomunfall im Garten
Die Zeit ist eine zweischneidige, schwer zu fassende Dimension.Den Film dominiert sie, zwingt ihm eine Richtung auf; der Fotografie gehorcht sie, lässt sich einfrieren - meistens jedenfalls. Wenn man Stills produziert, die wie Filme wirken, stellt sich die Zeit zuweilen quer. So wie in Lichtbild Nr. 16, bei dessen Produktion das Zeitanhalten eine ganz handfeste Bedeutung bekam. Im Bildzentrum von Lichtbild Nr. 16 ist eine alte Standuhr zu sehen, und da Schumacher für seine One-Shot-Movies stets mehrere Schüsse macht, (immer vom Stativ aus, immer aus derselben Perspektive, nur mit gestaffelten Belichtungszeiten, mit denen er mal auf die Lichter, mal auf die Schattenpartien belichtet, um die einzelnen Shots später, nach dem Einscannen am Rechner zu einem Lichtbild zu verschmelzen), da er also für Lichtbild Nr. 16 mehrere Einzelshots machte und der Zeiger der Uhr seine Pflicht tat und weiterlief, hielt er ihn kurzerhand an. Die Zeit anhalten, das war noch die kleinste Herausforderung bei dieser Produktion, schwerer war es schon, die Hauptdarsteller zum Innehalten zu bewegen: Das ältere Ehepaar, das die Hauptrolle spielt, durfte sich möglichst wenig bewegen bei Belichtungszeiten von bis zu acht Sekunden. Die größte Herausforderung aber bestand in der Kommunikation mit den Einsatzkräften: Die steckten in signalgelben Ganzkörperschutzanzügen und hörten praktisch nichts. In Lichtbild Nr. 16 kämpfen sie im Garten jenseits des Wohnzimmerfensters mir radioaktivem Nebel. „Die Idee, einen Unfall mit Gefahrenstoffen in Kontrast zu setzen zu einer vermeintlich heilen bürgerlichen Welt, hatte ich schon länger“, sagt Schumacher
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