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Virtuose Virtualisten

thumb_2009_06-13_4Seit drei Jahren ist die Georg-Simon-Ohm Hochschule in Nürnberg die Ausbildungsstätte schlechthin in Sachen virtuelle Fotografie. Jetzt ist die europaweit erste CGI-Diplomarbeit fertig. digit! präsentiert das im wahrsten Sinne des Wortes fantastische Werk zweier Absolventen.

Man hat sich ja daran gewöhnt, seinen Augen nicht mehr zu trauen. Seit der Einführung von Photoshop & Co. gilt für jeden mündigen Medienkonsumenten: Genaues Hinschauen und das Gesehene kritisch auf Unstimmigkeiten und wahrscheinliche Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit abklopfen ist Pflicht. An Schwindelbildern mangelt es – Composing, Morphing und Postproduktion sei Dank – ja nun wahrlich nicht. Doch alles, wie es landläufig immer so schön heißt, buchstäblich a-l-l-e-s lässt sich mit Photoshop allein eben nicht machen.

In epischer Breite: Das Panoramabild der CGI-Diplomanden.

Für die wirklich unwirklichen Gestaltungsideen, für solche, die die Gesetze von Raum und Zeit auf den Kopf stellen, für Visualisierungen im Stile eines M. C. Escher, die zudem fotonah und damit glaubhaft wirken, braucht es mehr als Fotografie plus Postproduktion. Es braucht ein bildgebendes Verfahren, das beide Disziplinen um eine virtuelle, „zeichnerische“ erweitert und damit kreative Freiräume schafft, die durch nichts begrenzt sind als durch die menschliche Fantasie und Rechenleistung: die computergenerierte Bilderschaffung, kurz CGI.

Frühes Scribble der Vogelhausszene.thumb_2009_06-12_4Lichtstimmung: Die Beleuchtung der Szene wird künstlich simuliert.

Genau die hat sich die Fakultät Design im Studienmodul CGI der Georg-Simon-Ohm Hochschule, Nürnberg, unter Leitung von Prof. Michael Jostmeier, bereits 2004 auf die Fahnen geschrieben – als erste europäische Hochschule überhaupt. Jetzt liegt die erste Diplomarbeit aus diesem Studienmodul vor – und sie ist im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch ausgefallen. Steffen Kirschner und Sebastian Mildenberger, die beiden Absolventen, zeigen eine Landschaft, wie sie sich allenfalls Kinder nach dem Konsum psychedelischer Märchenbücher erträumen. Startpunkt des aus fünf Einzel-Tableaus montierten Panoramabilds, durch das der Besucher per Maus reist, ist eine düstere, mit baumgroßen schwarzen Fliegenpilzen übersäte Wiese.

An einen der „Stämme“ lehnt ein ganz in Schwarz gekleidetes junges Mädchen, an dem Hut eines anderen Pilzes eine Leiter. Auf ihr steht ein junger Mann, der die alptraumartige Landschaft „zutapeziert“ und damit in ein Schlafgemach verwandelt, das auf den Seiten eines gigantischen, aufgeklappten Buchs platziert ist, wobei eine auf dem Bett sitzende Frau durch die geöffnete Buchdeckel-Tür in eine verwunschene Bibliothek blickt, in der ein alter, von einem Schwarm kiloschwerer Bücher umschwirrter Mann vor einem Konzertflügel sitzt, der von den Luftwurzeln eines Baums in die Höhe gerissen wird, während hinter dem Rücken des Klaviervirtuosen ... aber sehen Sie am besten selbst (www.viaframe.de/zoomify/SpiegleinDA.htmlwww.viaframe.de/zoomify/SpiegleinDA.html)! Denn was da im Einzelnen passiert, lässt sich nun wirklich kaum noch beschreiben. Dieses CGI-Bild erzählt tatsächlich mehr, als es 1000 Worte vermögen. Es tut dies – und das ist das eigentlich Spannende – mit fotografischer Anmutung. Und, wenn man’s genau nimmt, haben Kirschner und Mildenberger ja auch fotografiert: die menschlichen und tierischen Models mit einer herkömmlichen Kamera, die allermeisten Bildareale mit einer virtuellen. Frühes Scribble der Vogelhausszene. Gestaltung ohne Grenzen: Im Rechner ist alles machbar – vorausgesetzt man kennt die Programme und hat ausreichend Zeit.

Von der Bilder-Findung zur Bild-Erfindung
 „Unser Ziel war es, etwas herzustellen, das in Photoshop – wenn überhaupt – nur mit einem inakzeptablen Aufwand zu machen ist“, erläutert Mildenberger den kreativen Ausgangspunkt der Arbeit. Nachdem die Diplomanden in der Entwurfphase die Strukturen, Details und fließenden Übergänge zwischen den einzelnen Szenen festgelegt hatten, modellierten sie ihre Ideen in einem CAD-basierten 3D-Programm, ähnlich jenen, die in der Automobilindustrie zum Design neuer Fahrzeuge verwendet werden.

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d i g i t ! - 06/2009 d i g i t ! - 06/2009 €2,50 Checkout >> Read more >>