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SURREAL REALISTISCH

digit! 4-2016Pubertäts- und Beziehungs-Dramen, fragwürdige Schönheitsideale, Wolfskinder, Sex-Arbeiterinnen: So heterogen wie die Themen, so homogen ist die Bilderwelt von Julia Fullerton-Batten. Die Deutsch-Britin inszeniert ihre Geschichten als vielschichtige Bühnenstücke mit mal cineastischem, mal malerischem Appeal. Von Peter Schuffelen

Eine Performance-Künstlerin, die Tischtennisbälle aus ihrer Vagi-na katapultiert, eine spärlich bekleidetes Escort-Dame, die, in ei-nem Schaufenster stehend, auf Kundschaft wartet oder ein Web-cam-Girl, das, vor einem Laptop sitzend, eine Masturbationsszene simuliert. Fullerton-Battens jüngster Bilderzyklus „The Act“ erregt – Aufsehen. Das Besondere: Alle Darstellerinnen sind echt. Will heißen: Sie sind auch im wirklichen Leben Sex-Arbeiterinnen,„leisten“ Sex in der ein oder anderen Art. Als virtuelle oder reale Stimulanz, als temporärer oder Surrogat-Sexpartner, als erotische One-Woman-Unterhaltungs-Show. Fullerton-Batten hat ihnen für diese Performance diese thematischen Miniatur-Bühnen gebaut.„Ich wollte einen anderen, differenzierteren Blick auf die Sex-In-dustrie werfen“, sagt sie. „Natürlich ist das ein schwieriges Thema, es gibt monsterhafte Auswüchse, Sklaverei oder Pädophilie etwa. Aber es gibt auch die andere, die selbstbestimmte Seite. Frauen, die diesen Job freiwillig und selbstbestimmt ausüben und daran Gefallen finden. Auch wenn diese Art von Arbeit für mich selbst nie infrage käme, habe ich diese 15 Frauen, die ich begleitend zu den Shootings interviewt habe, auf eine seltsame Art und Weise auch bewundert. Wegen ihrer Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und wegen ihres überdurchschnittlichen Maßes an Selbstachtung.“

„The Act“ markiert einen Wendepunkt im Schaffen der deutsch-bri-tischen Fotografin. Der surreal reale Look, die cineastische Licht-setzung, die theaterhafte Inszenierung – all das atmet Kontinuität, verweist auf frühere Arbeiten. Doch anders als in den meisten ih-rer anderen elf Bilderzyklen, die sie seit ihrem Fotokunstdebüt 2005 geschaffen hat, sind die Protagonistinnen hier nicht Platz-halter eines gesellschaftlichen oder individualpsychologischen Phänomens. Vielmehr stehen die Frauen in den bühnenartig ar-rangierten Szenenbildern für sich selbst und ihre eigene Geschich-te. „The Act“ ist damit so etwas wie eine „Staged Documentation“, eine inszenatorische Dokumentation. ...

 

 

 


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